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MAX HERRE
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BIOGRAFIE
“Halt dich an deiner Liebe fest”, singt Max Herre, beinahe aus voller Kehle, weit zurückgelehnt auf einem Barhocker, in den Händen seine Gitarre, im Gesicht ein Lächeln, das den gesamten, riesigen Aufnahmeraum im Funkhaus Nalepastraße zu umspannen scheint. Für einen Moment wirkt Max Herre völlig frei, gleichzeitig bei sich und bei seiner Band, im Einklang mit der Musik und dem Text des großen Rio Reiser: Halt dich an deiner Liebe fest. “Für mich war das heute etwas sehr Besonderes”, wird er eine Stunde später sagen, sichtlich gefangen noch vom erlebten Moment. “Ich habe mich immer als Live-Musiker verstanden. Auf der Bühne mit einer Band: Das ist, wo Musik wirklich passiert. Das ist der eine Ort, an dem ich mich wirklich selbst und befreit fühle. Ich liebe das.”

Max Herre hat ein “MTV Unplugged” aufgenommen. Das rückt ihn auf eine Stufe mit großen deutschen Künstlern wie Udo Lindenberg oder Die Ärzte, in eine Tradition mit Nirvana, Lauryn Hill, Eric Clapton, Jay Z. Mehr noch als ein konsequenter Karriereschritt und popkultureller Ritterschlag aber ist “MTV Unplugged” für Max eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Denn lange bevor er als Texter und MC einer ganzen Generation eine Stimme geben sollte, war er vor allem der Junge mit der Gitarre, der einfach nur spielen wollte. Das Gefühl, das er als 15-Jähriger im Proberaum suchte, findet er nun wieder – und teilt es mit einem völlig neuen Publikum.

Die Geschichte dieses in vielerlei Hinsicht besonderen Abends beginnt vor knapp 25 Jahren in einem Keller in Stuttgart-West. Der junge Max war begeistert von Funk, Soul und Reggae. Im Keller eines Freundes jammte er tagsüber zu Tracy Chapman und Terence Trent D’Arby. Abends in seinem Zimmer verschlang er meterweise Tape, selbst aufgenommene Kassetten mit den Alben von Bill Withers, Stevie Wonder, Curtis Mayfield und Bob Marley. Später kamen Brand Nubian und A Tribe Called Quest dazu. Rapmusik, das Genre, in dem er Jahre später selbst zum Star und kulturellen Fixpunkt werden sollte, erschloss sich ihm als der nächste logische Schritt in diesem Kontinuum schwarzer Musik. HipHop war für Max eher ein Ausdruck der Integration als ein Mittel zur Abgrenzung oder subkulturelle Berufung. Man könnte auch sagen: Max ging es nie um die Regeln einer oft nur vorgeblich freigeistigen Szene. Sondern schlicht um jene magischen Momente, in denen sich alles um einen herum zu einem universellen Groove vereinigt.

Der Musik Max Herres war das stets deutlich anzuhören – egal ob bei seinen frühen Schritten als Sänger der Schülerband Seedless Jam, in seiner Arbeit mit Freundeskreis oder während seiner Karriere als Solokünstler. Schon sein allererster Auftritt als Rapper mit deutschen Texten war geprägt von dieser Sozialisation. “Wir nannten uns Agit Jazz: ich am Mic und mein Bruder Tom am Saxofon”, erinnert sich Max schmunzelnd. “Wir trugen alte Anzüge von unserem Vater und spielten zu Instrumentalen der britischen Funkband Olympic Runners. Es gab da einen Song namens ‘Jazz Jetzt Jazz’, ausgesprochen ‘Jäzz Jetzt Jatz’. Der hat sozusagen erklärt, warum man das jetzt auf Deutsch machen kann. Warum das cool ist. Damit ging es los.”

Was genau da losging, hätten damals auch kühnere Hobby-Propheten nicht vorherzusagen gewagt. Und doch lassen sich die mehr als 20 Jahre, die seither verstrichen sind – die beiden unbestrittenen Deutschrap-Klassiker mit der Gruppe Freundeskreis, die epochalen Live-Auftritte mit den FK Allstars, die Wandlung vom Rapper zum Produzenten zum suchenden Solokünstler zum Singer-Songwriter zu Deutschlands erstem ernst zu nehmenden Erwachsenen-MC mit Ewigkeitsanspruch – nicht denken ohne jene Zeit des Aufbruchs. Es war die Hochphase des Jazz-HipHop, das Jahr eins nach “Low End Theory” und ein Jahr vor der ersten “Jazzmatazz”. Elegante Raps auf butterweichen Beats, mit echten Soli und Samples aus Papas wohl sortiertem Plattenschrank. Dieser Stil beeindruckte und beeinflusste den jungen Max nachhaltig, genauso wie ihn die damals blühende Jam-Kultur prägte. In Stuttgart kam es im Frühjahr 1992 zum Urknall, bei der ersten “Kolchose Jam” im “Jugendhaus Mitte”: Rapper, B-Boys, Writer, aber auch die Mucker aus der lokalen Live-Szene, die DJs aus den Nachtclubs, die Nerds mit dem Spex-Abo aus dem Plattenladen. Und mittendrin Max Herre. “Die Zeit war total frei, die Leute haben das alles gleichzeitig gefeiert. HipHop war eine echte Bewegung.”

Diese freilich war aus heutiger Sicht noch recht überschaubar, zumal im wenig weltläufigen Stuttgart. Es war also nur eine Frage der Zeit, dass Max an zwei weitere HipHop-Fans gelangte, die sich dem Phänomen aus ihrer jeweils eigenen Richtung näherten. Philippe Kayser spielte mit seiner Band No Sé hausgemachten Acid Jazz; DJ Friction übte sich als Turntablist und Producer für diverse G.I.-Rapper und schmiss den Montag im “Musicland“ mit Rap und R&B. Bei oberflächlicher Betrachtung also gab es mehr, das die drei unterschied, als sie einte: Philippe war ein gestandener Musiker und erfahrener Produzent mit eigenem Studio, Friction ein junger HipHop-Fanatiker, Max zu diesem Zeitpunkt ein Zivi im Jugendhaus Mitte. Dennoch stimmte die Chemie auf Anhieb, schon bald gab es die ersten Auftritte. Gemeinsam mit der Band des Jazz-Gitarristen Lothar Schmitz tourte das Trio durch die süddeutschen Live-Clubs, bevor es sich auch nur offiziell formiert hatte. “Irgendwann haben wir die Band auch mal auf eine echte HipHop-Jam mitgenommen; ich glaube, es war die Spring Jam 95 in Frankfurt”, schmunzelt Max. “Vor der Bühne stand der Bundesgrenzschutz, weil sich auch ein paar Berliner angekündigt hatten, und im Backstage gab es ausschließlich Toastbrot. Das war für meine feinen Jazz-Herren ein ziemlicher Flash.“ Und ist bis heute ein schönes Bild für die Pole in Max Herres Kunst: das Raffinierte und das Ruffe, Virtuosität und Virtus, Baden-Württemberg und Brooklyn.

Im No-Sé-Studio, einem umfunktionierten Gartenhaus am Stuttgarter Stadtrand, kamen diese scheinbaren Gegensätze auf natürliche, fast magische Weise zusammen. Quasi rund um die Uhr saßen Max, Philippe und Frico (die sich inzwischen “Maximilian und sein Freundeskreis“ nannten) am Mischpult, entwickelten Songideen und feilten an Demos, “ich immer rechts neben Philippe in einem alten, braunen Ledersessel, gegenüber Friction am Samplesuchen oder Scratchen.” Ab und zu schauten Kollegen wie Afrob, Sékou oder Wasi von den Massiven Tönen vorbei. Aber auch befreundete Skater, Grafiker, Musiker und Künstler wie der heutige Top-Regisseur Zoran Bihać bewegten sich wie selbstverständlich im Umfeld des sich langsam ausprägenden Freundeskreises. “Die Kessellage und die latente Kleinstadthaftigkeit Stuttgarts haben bewirkt, dass immer wieder die selben kreativen Leute aufeinandergetroffen sind. Das waren ganz unterschiedliche Leute, die etwas machten. In Stuttgart konnte man sich nicht einfach bespaßen lassen: Die Kultur, die man konsumieren wollte, musste man sich selbst schaffen.”

Die Szene war klein, talentiert und vernetzt. Man kannte, schätzte und unterstützte sich, auch über vermeintliche Gräben hinweg. So landeten Max und Co. – nach einem eher unglückseligen Intermezzo beim Intercord-Label, wo unter allerlei Missverständnissen und weitgehendem Ausschluss der Weltöffentlichkeit eine ursprüngliche Version des Songs “A-N-N-A” erschienen war – im Sommer 1996 bei Four Music, dem sich damals neu formierenden Label der Fantastischen Vier. Noch im selben Jahr erschien die erste White-Label-12“ “Enfants Terribles ’96“ unter dem jetzt offiziellen kurzen Bandnamen Freundeskreis. Zu hören war auch Sékou mit einem Exkurs als deutschsprachiger Rapper. Wirklich zu Hause aber fühlte er sich in seiner Muttersprache Englisch, und so wurde er statt eines offiziellen vierten Band-Members festes Familienmitglied als Feature-Artist und Live-MC. So stellten Freundeskreis mehrheitlich zu dritt in nur wenigen Monaten ihr erstes Album fertig. Das führte auf 19 Stücken und Skits all diese Erzählstränge zu einem extrem stimmigen Ganzen zusammen: Max’ Gespür für die kleinen Zwischentöne des Menschlichen und die großen Zusammenhänge der Welt, das Fachwissen des Profi-Produzenten Don Philippe und die HipHop-Kante von DJ Friction. Die Musik, die Menschen und die ganz und gar einzigartige Magie jener Tage.

“Quadratur Des Kreises” erschien im Februar 1997 und zu sagen, dass es die Erwartungen übertraf, wäre eine dezente Untertreibung. Tracks wie “Leg Dein Ohr Auf Die Schiene Der Geschichte”, “Wenn Der Vorhang Fällt” oder “Telefonterror” (mit einer blutjungen, damals noch gänzlich unbekannten Cassandra Steen) wurden quasi über Nacht kanonisch. Und mit der überarbeiteten Version von “A-N-N-A” hatte es sogar einen Top-10-Singlehit – eine echte Rarität im deutschen HipHop, selbst dieser Tage, da das Genre ein neues Hoch in den Charts erfährt. “A-N-N-A“ war die Hymne seines Sommers, Freundeskreis waren True School und Pop zugleich. Die mit den tiefsten Texten und den höchsten Verkaufszahlen. Die erste echte Brücke zwischen den modrigen PVC-Matten und Matratzenlagern der Jam-Zeit und dem Goldrausch des sich anbahnenden Booms.

“Quadratur Des Kreises” war das Werk einer Band im klassischen Sinne. Alle Tracks waren gemeinsam von Grund auf erarbeitet und spiegelten die Geschichte und Geschichten dreier Freunde und Fans der damals aufregendsten kulturellen Bewegung des Universums. Dennoch stach Max Herre klar und deutlich hervor. Seine Stimme, seine Diktion, seine Bühnenpräsenz, sein Swag verliehen ihm eine natürliche Autorität, die im deutschen HipHop jener Zeit allenfalls noch Samy Deluxe und Chris Stieber ihr Eigen nennen konnten (kein Wunder, dass sich 1999 just diese drei MCs zum Dreikönigstreffen “Malaria” einfanden). Wie kein anderer verstand er es, hochkomplexe Themen wie den Kurdistan-Konflikt oder den Tod Salvador Allendes in einem majestätischen Master-Narrativ zu verarbeiten, der tatsächlich nicht nach Vorlesungssaal klang, sondern nach Soul. Der nicht belehren oder gar bekehren sollte, sondern Ereignisse aus einer persönlichen Perspektive spiegelte. Die zitierte Tracy-Chapman-Zeile “Talking ‘Bout The Revolution” bekam so auch eine musikalische Facette: Mit Max war Deutschrap urplötzlich auf einem neuen Level angelangt – und das, ohne dass er es ständig mantrahaft erwähnen musste.




Neben seiner Präzision, dem politischen Bewusstsein und dem subtilen Pop-Appeal beeindruckte bei all dem vor allem Max’ Vielseitigkeit. Das Spektrum, das er mit “Quadratur Des Kreises” aufmachte, erweiterte er mit seinen Feature-Strophen und Nebenprojekten quasi nach Belieben. So brachte er auf “Tabula Rasa” einen gewissen Gentleman erstmals in das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit – und schuf nebenher mit selbstverständlicher Leichtigkeit eine völlig neue Art authentischer Welt-Musik. “Halt Dich An Deiner Liebe Fest” war eine Dub-Reggae-Version eines Ton-Steine-Scherben-Klassikers und damit eine persönliche Reminiszenz an seine neben Udo Lindenberg wohl größte Inspirationsquelle als Songwriter, Rio Reiser. Und zwischendrin setzte er mit Tracks wie Hausmarkes “Beweg Deinen Popo”, “Exklusivinterview” mit Afrob oder eben “Malaria” immer wieder Duftmarken als Chef im Reimer-Ring. Don’t take smartness for weakness – der Mann konnte Geschichte erzählen und Beats killen, ganz so wie er das von Grand Puba und Nas gelernt hatte.

All diese Fertigkeiten kulminierten im Juli 1999 auf dem zweiten Freundeskreis-Album “Esperanto”. Wenn “Quadratur” die Summe seiner Teile war, so war “Esperanto” dessen Potenz. Alles war noch reifer und runder, ausgefeilter und ausdifferenzierter. Mehr Instrumente in den Instrumentals, mehr Geschichte in den Geschichten, mehr Liebe in den Love-Songs, mehr Rap in den Rap-Songs. Die Platte verkaufte sich mehr als 300.000 mal. Dass nebenbei ein weiterer zeitloser Crossover-Klassiker (“Mit Dir”) sowie eine echte Liebesgeschichte herausschaute, ist hinreichend dokumentiert worden, muss hier also nicht noch einmal eigens aufgerollt werden.

Der Summer of ‘99 war nicht nur für Max Herre und den Freundeskreis ein besonderer. Er markierte auch den Zenit des ersten großen Booms in der Geschichte des Deutschrap. Mit den Massiven Tönen, den Absoluten Beginnern, Eins Zwo, Afrob und eben FK standen fünf Acts gleichzeitig in den Top 15. Plötzlich schien alles möglich – auch dass ein vergleichsweise puristischer Battle-Track wie “Tabula Rasa”, mit einem Refrain auf jamaikanischem Patois und einem Super-8-Video aus Ghana, knapp 200.000 Exemplare umsetzt. Auf den Konzerten mischten sich aufgeregte Teenies unter die abgeklärten Heads. Und die großen Plattenfirmen übertrafen sich in ihrem Wettbieten um maximal fragwürdige Viertelbegabungen gegenseitig. Der deutsche HipHop war so groß wie nie zuvor, und doch zeichnete sich am Horizont bereits sein Niedergang ab. Ihm fehlte an Weitsicht, an gewachsenen Strukturen, an einer soliden Basis talentierter Künstler und an institutioneller Intelligenz, die die stetig anwachsende Gier der zahllosen Trittbrettfahrer hätte eindämmen oder zumindest kompensieren können. Es war offensichtlich. Doch wollte, geblendet von der grell knallenden Sonne, keiner die düsteren Wolken sehen, die bereits in Windeseile heranzogen.

Max dagegen traute dem Bauchgefühl, das so viele spürten, nur keiner wahrhaben wollte, und nutzte, um im Bild zu bleiben, den goldenen Spätsommer für das perfekte Picknick. Aus dem Freundeskreis ließ er die FK Allstars erwachsen. Er integrierte langjährige Freunde und Komplizen wie Sékou, Gentleman, Joy Denalane, Afrob oder Déborah fest in die Show und bespielte mit ihnen die größten Festivalbühnen, die das Land so hergab. Summer Jam, Splash!, Rock am Ring, you name it. Die FK-Allstars-Tour war für Deutschland, was “Up In Smoke” und “Hard Knock Life” für Amerika waren: nur dass Egos durch Euphorie und echtes Talent ersetzt wurden. Tausende und Abertausende waren dabei, als Rap auf Deutsch zu Musik und die Kraft des kreativen Kollektivs erneut zum Perpetuum mobile wurde, wie acht Jahre zuvor auf der Kolchose-Jam. Eines kam zum anderen, 2000 noch das Live-Album “En Directo”, und dann war Schluss. Aufhören, wenn’s am dopesten ist: Freundeskreis waren draußen, aber ihr Mythos blieb intakt. Für immer.

Was machen, wenn man alles erreicht hat, was sein Genre hergibt, und vermutlich noch viel mehr als das? Wohin mit der Energie, wenn aus einem Midnight-Marauders-haften Mosaik von Musikern plötzlich Privatheit wird, aus den Schreien von Tausenden das Schweigen von niemandem? Max Herre zog aus dem radikalen Schnitt seine ganz eigenen, konsequenten Schlüsse. Als der Vorhang gefallen war, blickte er nicht nur, sondern ging auch hinter die Kulissen. Als Produzent nahm er sich der musikalischen Vision Joy Denalanes an. Denn eines fehlte bei allem kommerziellen Erfolg und aller gesellschaftlichen Anerkennung, die deutschsprachiger Popmusik dank der Klasse von ‘99 plötzlich zuteil wurde: R&B von hier, eigenständig und echt, aber mit der Klasse von Erykah, Lauryn und Mary J.

“Mamani”, Joys Debütalbum, lieferte 2002 genau das. Es kam eindeutig aus dem Schoß der Kolchose, aber war so viel mehr als das, stark und verletzlich zugleich, ein bisschen Kreuzberg, ein bisschen Soweto. Dabei entstand die Platte komplett im Stuttgart, in einem ehemaligen Filmvertonungsstudio, in dem Don Philippe und der langjährige FK-Schlagzeuger Tommy Wittinger nach Jahren der sprichwörtlichen Kinderzimmer-Productions den großen Musikertraum von Abbey Road lebten. Hier, zwischen Neumann-Mikrofonen, Wurlitzern, epischen Streichern, satten Bläsersätzen und dem Geist der goldenen Soul-Ära, fand Joys ungehörte Stimme den Raum zur vollen Entfaltung. Und Max zog die Fäden, obwohl er weder eine musikalische Ausbildung noch eine langjährige Erfahrung als Produzent vorzuweisen hatte. Oder vielleicht gerade deswegen: Instinktiv machte er mit seiner Frau genau die Platte, die er immer hören wollte – und sprach damit, ohne den Mund zu öffnen, einer ganzen Generation aus der Seele. Das Album stürmte in die Top 10 und wurde für insgesamt drei ECHOs nominiert. Viel wichtiger aber war: Joy Denalane hatte ihre eigene Identität als Künstlerin. Und Max Herre hatte eine Zukunft als Musikmacher.

Nach dem Erscheinen der Platte zog Max mit Joy und ihrem gemeinsamen ersten Sohn von Benztown nach Berlin und machte dort alles neu. Mit der Energie und dem Erfahrungsschatz aus dem “Mamani“-Projekt widmete er sich bald auch wieder seiner eigenen Musik. Oder besser gesagt: endlich seiner eigenen Musik. Wie erwähnt, Freundeskreis war trotz der naturgemäß exponierten Stellung seines Lead-Vocalists stets eine echte Band gewesen, der Querschnitt dreier verwandter Sozialisationen, aber dennoch grundverschiedener Herangehensweisen. Max’ Solodebüt dagegen war genau das, was sein Titel verhieß: Max Herre. Frisch in seiner neuen Heimat Berlin angekommen, nutzte Max die höchst seltene Freiheit eines etablierten Acts, der gleichsam keinerlei Zwängen oder Verpflichtungen mehr unterliegt, um sich als Künstler neu auszuprobieren. “Max Herre” war geprägt von Umbruch, einem neuen Selbstbewusstsein als Produzent und der rigorosen Weigerung, sich den Erwartungen anderer zu fügen. Es war Experiment und Erwachsenwerden in Echtzeit zugleich: Die breite Brust eines echten MCs (“Zu Elektrisch”) traf auf schmunzelnde Sozialstudien (“King Vom Prenzlauer Berg”), der textliche Blick aufs Gestern (“1ste Liebe”) auf den musikalischen Blick aufs Morgen (“Alter Weg”), Beats aus Amerika auf Musik aus Berlin und Stuttgart. Es war das Album eines Rappers, der sich nicht mehr auf Rap festlegen lassen wollte – weil er eben immer auch Al Green, Lee “Scratch” Perry, James Brown und Gil Scott-Heron geliebt hat. Und was alles noch viel besser machte: Das schien zu funktionieren. Das Album stieg auf Nummer eins der deutschen Albumcharts ein.

Aus dem selben Spirit heraus wurde 2006 das Label NESOLA gegründet, das Max noch heute mit Joy und seinem langjährigen Manager und Freund Götz “GG“ Gottschalk betreibt. Es sollte ein Label sein, das seine Wurzeln eindeutig im HipHop hat, aber vor allem dessen Offenheit und Vielfalt betont. Eine Plattenfirma im traditionellen Sinne, in der es darum geht, der bestmöglichen Musik die bestmögliche Plattform zu geben, und nicht einfach nur ein paar Kusengs von Kusengs mit nach oben zu ziehen (und nebenbei die eigenen Marke zu schärfen). Ganz bewusst gab Max nie das Maskottchen der Firma, sondern agierte stets eher im Hintergrund. Als Produzent etwa der zweiten Joy-LP “Born & Raised”. Als Mentor und Feature-Partner des Ausnahme-MCs Megaloh. Oder auch als stiller Berater bei den Alben des Produzenten Samon Kawamura und der Sängerin Laura López Castro. Diesen universellen Fokus hat er bis heute nie verloren – auch dann nicht, als sich Freundeskreis im Jahr 2007 zum Zehnjährigen noch einmal für zwei neue Songs, ein Best-of-Album sowie eine ausgedehnte Reunion-Tour inklusive umjubeltem Jetzt-aber-wirklich-Abschlusskonzert im Stuttgarter Gazi-Stadion zusammentaten.

So kam es 2009 nur für wenig aufmerksame Beobachter überraschend, dass Max Herres zweites Soloalbum klar den Geist von NESOLA atmete. “Ein Geschenkter Tag” ist bis heute Max’ mutigster musikalischer Schritt, vergleichbar mit Commons “Electric Circus” oder Kanye Wests “808s & Heartbreak”. Er hätte es sich bequem machen können in der Neo-Retro-Kuschelecke: ein Vollprofi, der genau weiß, was er tut, und mit grau meliertem Haar und gut abgehangenen Beats auf hohem Niveau seinen Veteranenstatus verwaltet. Aber Max entschied sich für den gegenteiligen Weg. Er drückte erneut den Reset-Knopf und nahm eine lupenreine Singer-Songwriter-Platte auf. Das ursprüngliche Konzept der Platte war gewesen: Rap-Strophen mit gesungenen Hooks voller Folk und Soul. Aber in einer Zeit, in der in Max’ Privatleben hauptsächlich Fragezeichen standen, verschwand die Ausrufezeichenkultur Rap fast vollständig aus seiner Kunst. Es blieben Texte von fragiler, oft entwaffnend schlichter Schönheit. Einflüsse von James Taylor bis Terry Callier, Bob Dylan bis Ray LaMontagne. Eine vielfältige, aber spartanische Instrumentierung, aufgenommen in ganzen Takes mit den Techniken der siebziger Jahre. Die Regel war: kein Swag, kein Style. Einfach nur Musik, so direkt und ehrlich wie möglich. “Die Folk-Musik hat mir erlaubt, meine persönliche Situation aufzuarbeiten, ohne die Leute auf meine Bettkante zu setzen. Ich konnte mich ausdrücken, aber gleichzeitig kryptisch genug bleiben. Heute klingt diese Platte für mich oft nackt und zerbrechlich. Aber damals musste sie genau so sein: Es war eine Reise, auf der ich mich abschotten und ausprobieren konnte.”

Fans und Kritik reagierten, wie sie in solchen Fällen eben reagieren: gespalten. Aber das Album war auch ein Experiment. Und bei Experimenten fällt eben nicht jedes Ergebnis so aus, wie man es sich im Labor zurechtgelegt hat. “Ein Geschenkter Tag” war eine wichtige, eine notwendige Platte. Denn sie zeigte Max Herre endgültig auf, dass für ihn als Künstler und Mensch alles möglich ist und nicht nur alles Mögliche. Und sie gab seiner Arbeit mit seinen Co-Produzenten Samon Kawamura und Roberto Di Gioia ihren bis heute bestehenden formellen Rahmen.

2010 taten sich die drei offiziell zu einem Produzenten-Team zusammen, um ihre individuellen Erfahrungen und Expertisen künftig als KAHEDI zusammenzuführen. (In Namensfragen sollte hier jeder eins plus eins plus eins zusammenzählen können.) Hier Kawamura, das Beat-Genie mit waschechter Jazzer-Vita (Till Brönners “Blue Eyed Soul”) und besten internationalen Kontakten zu Figuren wie dem Frank-Ocean-Produzenten Om’Mas Keith. Dort Herre, der Ausnahme-Songwriter mit der langjährigen Bühnenerfahrung und dem eingebauten Hit-Instinkt. Und schließlich Di Gioia, der klassische ausgebildete Pianist und Studiofuchs, der sich unter anderem schon als Keyboarder von Udo Lindenberg, Partner von Bryan Ferry, Multi-Instrumentalist für DJ Hell und Kruder & Dorfmeister sowie als musikalischer Leiter von Klaus Doldinger einen Ruf als vielseitig versierter Vollblutmusiker erarbeiten konnte. In der Summe ergab diese Kombination bereits nach kürzester Zeit ein Top-10-Album (Joy Denalanes dritte LP “Maureen”), das Debüt der Afro-Soul-Entdeckung Y’akoto, Remixe für den südafrikanischen Nationalhelden Hugh Masekela und die Berliner Nationalhelden Beatsteaks, sowie retrofuturistische Rap-Geschosse für Megaloh und Samy Deluxe. Der Remix von Joy Denalanes “Niemand (Was Wir Nicht Tun)” mit Mega, Max und Sam zum Beispiel lässt sich ohne jeden Zweifel als einer der Auslöser der gegenwärtigen HipHop-Renaissance lesen.

Ihren (vorläufigen) Höhepunkt aber erreichte die Zusammenarbeit 2012 mit Max Herres drittem Soloalbum. “Hallo Welt!” war genau das Album, das man sich als Fan der ersten Stunde und Feind von musikalischen Formatierungen stets von ihm gewünscht hatte. Einerseits besann sich Max auf seine Stärken, indem er zur Königsdisziplin Rap zurückkehrte und Feuer spuckte, als seien seit der Kolchose-Jam nicht 20 Jahre, sondern keine 20 Minuten vergangen. Andererseits nahm er auch in der Aufnahmekabine nie den Produzentenhut ab, öffnete sich musikalisch noch weiter und versöhnte so die zurückgenommene Melancholie von "Ein Geschenkter Tag" mit der überschwänglichen Euphorie seines ersten Soloalbums. Er maß sich mit der neuen Generation von Rappern, all den Marterias, Tuas und Megalohs, denen er einst als persönliche Old School diente – und schrieb gleichzeitig zeitlose Songs mit Philipp Poisel, Sophie Hunger und Aloe Blacc.

Mit “Hallo Welt!” lieferte Max Herre seine ganz persönliche Antwort auf die Frage, ob man mit Rap in Würde älter werden kann. Den Beweis, dass diese Ausdrucksform stets darauf angelegt war, alle möglichen Themen zu behandeln, egal, ob es die eines 14-jährigen Rebellen oder die eines 40-jährigen Familienvaters sind. Das Album atmet in jeder Sekunde den Wunsch nach Vernetzung, Aufbruch und kreativer Freiheit. Aber es ist auch das Werk eines gereiften Mannes, der gelernt hat, die Grauzonen und Widersprüche des Lebens zu akzeptieren, ohne die Flucht in Zynismus oder Gleichgültigkeit antreten zu müssen. Der Jay Z feiern kann, weil er Bob Marley verstanden hat.

Zusammengehalten wurden all diese Einflüsse vom Konzept des KAHEDI Radio, das die Gestaltungsfreiheit und die "Alles geht"-Mentalität eines Piratensenders auf Albumlänge übertrug. So gingen manche Songs nahtlos ineinander über, andere wurden durch Ansagen und Einspieler miteinander verbunden. Dieses Konzept wird nun mit “MTV Unplugged / KAHEDI Radio Show” kongenial fortgeführt. Wieder fungiert die Idee eines eigenen Radioprogramms als inhaltliche Klammer, die Herres Karriere zusätzlich verdichtet und kontextualisiert. Host des Abends ist der New Yorker HipHop-Urvater Fab 5 Freddy. Freddy war integraler Bestandteil der Downtown-Szene der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, in der Punk und Disco, Blondie und Bambaataa, Warhol und Basquiat auf wundersame Weise zusammenliefen. Mehr als 30 Jahre später ist er nun erneut Brückenbauer – als eine Art Mischung aus Feldreporter, Radio-DJ im Regieraum, Edutainer und Mister Señor Love Daddy, Samuel L. Jacksons Figur aus Max Herres erklärtem Lieblingsfilm “Do The Right Thing”.

Eine kleine Randnotiz: Die Finanzierung für den bahnbrechenden HipHop-Film “Wild Style”, den er co-produziert hat, trommelte Fab 5 Freddy einst ausgerechnet beim ZDF im deutschen Mainz zusammen. So schließt sich ein weiterer Kreis. Die unbedingte Aufbruchsstimmung jener Tage trifft auf die unaufgeregte Intimität von Godards Studiofilm “Sympathy For The Devil”, die feingliedrige Feierlichkeit der BBC-Radiokonzerte auf den Open-House-Vibe von Jimi Hendrix’ Electric Lady Studio. “Wir spielen kein Frontalkonzert, sondern miteinander”, bringt Max Herre das Konzept der Show auf den Punkt. “Es geht uns um Interaktion in einer 360°-Situation, nicht um die bloße Reproduktion von Momenten.”

Zusammengehalten wird diese Mission vom musikalischen Leiter Lillo Scrimali, einem wichtigen Weggefährten Herres seit Stuttgarter Tagen; Samon Kawamura als Produzent und Fab 5 Freddy als Host ziehen im Regieraum zusätzlich dramaturgische Fäden. Vor allem aber ist “MTV Unplugged / KAHEDI Radio Show” ein echter Team-Effort, bei dem mehr als 40 Musiker und Gäste aus drei Generationen zusammenkommen. “Es geht nicht einfach nur darum, gute Leute um sich zu scharen. Ich will mit Musikern arbeiten, die Teil meiner Idee werden und mit ihren Ideen diese Idee bereichern. Die nicht nur ihr Spiel und ihre Fähigkeiten einbringen, sondern ihr Herz und ihre musikalische Vision.” So wird “MTV Unplugged / KAHEDI Radio Show” zu mehr als einer musealen Rückschau, wie sie dem erklärten Gegenwartsmenschen Herre nicht gerecht würde. Es ist vielmehr eine Aussage darüber, was Max Herre 2013 ausmacht und bedeutet. Die Botschaft, dass sich manchmal auch ein quadratischer Kreis vortrefflich schließen kann. Und dass Zukunft stets ein Stück Vergangenheit in sich trägt. Zumindest wenn sie so klingt wie die Musik von Max Herre.

Davide Bortot
Berlin, Oktober 2013
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